Verbotenes Ballett über Rudolf Nurejew: Ein Meisterwerk zwischen Kunst und Zensur
Elisa GudeVerbotenes Ballett über Rudolf Nurejew: Ein Meisterwerk zwischen Kunst und Zensur
Ein Ballett über Rudolf Nurejew – 1995 uraufgeführt, mit bewegter Geschichte
Ein Ballett über den legendären Tänzer Rudolf Nurejew, das 1995 erstmals auf die Bühne kam, hat eine turbulente Geschichte durchlebt. Die Produktion, geschaffen vom Choreografen Juri Possochow und dem Regisseur Kirill Serebrennikow, feierte 2017 in Moskau Premiere, wurde jedoch im vergangenen Jahr in Russland verboten. Der Bann erfolgte nach Vorwürfen, das Werk fördere "nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen" – eine Anspielung auf Nurejews offen gelebte Homosexualität.
Das Ballett zeichnet Nurejews außergewöhnliches Leben nach: von seiner frühen Ausbildung an der Waganowa-Ballettakademie in Sankt Petersburg bis zu seiner spektakulären Flucht nach Frankreich 1961. Spätere Szenen zeigen seine Jahre in Paris, wo er zum Weltstar aufstieg, bevor er 1993 an Aids starb. Das Bühnenbild spiegelt seine exzentrische Persönlichkeit wider – mit Aktgemälden alter Meister, Thonet-Stühlen, Sofas im Stil Maria Callas' und sogar Nachbildungen seines italienischen Inselanwesens.
Die ursprüngliche Fassung von 1995 hatte am Berliner Staatsballett Premiere, doch die Neuinszenierung von 2017 am Moskauer Bolschoi-Theater markierte eine vielbeachtete Zusammenarbeit zwischen Possochow und Serebrennikow. Noch im selben Jahr wurde Serebrennikow jedoch wegen Betrugsvorwürfen verhaftet, später wegen Untreue verurteilt und verließ schließlich Russland. Seine Abwesenheit bei der Premiere deutete bereits das Ende ihrer künstlerischen Partnerschaft an: Während Possochow weiterhin für internationale Ballettcompagnien choreografiert, widmete sich Serebrennikow vermehrt dem Theater – oft im Ausland.
Kritiker bemängelten, dass der zweite Akt des Balletts nicht an die Intensität des ersten anknüpfen konnte. Trotz beeindruckender Solodarbietungen und großer Ensemblestücke fehlte ihm die emotionale Wucht von Nurejews frühen Jahren. 2023 nahm das Schicksal der Produktion eine weitere Wendung, als russische Behörden das Werk im Rahmen von Gesetzen gegen LGBTQ+-Darstellungen verboten. Dennoch arbeitet Possochow – in der Ukraine geboren und heute US-Bürger – weiterhin in Russland, während Serebrennikow im selbstgewählten Exil lebt.
Nurejews Vermächtnis reicht über die Bühne hinaus: 1995 wurde sein Nachlass, darunter Kunstwerke, Kostüme und persönliche Gegenstände, versteigert und so die Relikte seines glamourösen Lebens unter Sammlern verstreut.
Das Verbot von Nurejew steht für die zunehmenden Einschränkungen der künstlerischen Freiheit in Russland. Bühnenbild und Choreografie leben in internationalen Produktionen weiter, doch sein Fehlen in russischen Theatern bedeutet einen Verlust für das dortige Publikum. Unterdessen haben sich die Wege der Schöpfer getrennt – der eine arbeitet weiter im System, der andere musste das Land verlassen.






